Berliner Zeitung 04-042002


Israelische Panzer verhindern die Rückkehr nach Berlin
Noch immer sitzt die 21-jährige Julia Deeg in Ramallah fest


Von Silke Stuck

Ihr Rückflugticket wird sie verfallen lassen müssen. Donnerstag früh wollte die 21-jährige Kreuzbergerin Julia Deeg, die in einer Berliner Kindertagesstätte als Honorarkraft arbeitet, die Heimreise nach Berlin antreten. Doch aus ihrem Besuch bei Freunden in Israel ist eine selbst gewählte Gefangenschaft geworden. Mit ungewissem Ausgang. Nach wie vor bemühen sich das Auswärtige Amt in Berlin und die deutsche Vertretung in Ramallah, Kontakt zu der rund 35-köpfigen Gruppe von Friedensaktivisten der Bewegungen International Solidarity Movement (ISM) und Grassroots International for the Protection of the Palastenians (GIPP) zu bekommen, zu der auch Julia Deeg und ihre Mutter gehören. Sie waren aus Protest gegen die israelische Militäroffensive vor vier Tagen freiwillig in das Hauptquartier des Palästinenserführers Yasser Arafat in Ramallah gegangen waren.

"Wir sind dabei, mit den zuständigen israelischen Behörden sicherzustellen, dass die beiden ohne Gefährdung Ramallah und das palästinensische Autonomiegebiet verlassen können", sagt ein Sprecher des Auswärtigen Amts. Mehr kann er nicht sagen. Es scheint schwierig zu sein. Aber das Hauptquartier verlassen, das wollen die beiden Frauen mittlerweile. So schnell es geht. Sie haben Fotos gemacht und wollen damit auf die Situation in den umkämpften Gebieten aufmerksam machen.

Am Morgen des vierten Tages wirkt Julia Deeg gefasst, müde, und zugleich sehr aufgekratzt. Sie redet viel. Während des rund zwanzigminütigen Telefongesprächs muss sie häufig schlucken, ihr ist übel. "Ich weiß nicht, ob das Wasser, das ich vorhin getrunken habe, nicht gut war." Einige ihrer Mitstreiter haben es aus zerborstenen Leitungen gepumpt. "Dabei haben sie ihr Leben riskiert", sagt Julia. Die Aktivisten sind mit etwa 200 Palästinensern eingekesselt. Sie sitzen in einem abgedunkelten Bereich, an einigen wenigen noch aktiven Stromleitungen werden die Handys aufgeladen. So können sie wenigstens angerufen werden. Selbst nach draußen telefonieren - das funktioniert nur ganz selten. Am Dienstag hatten sie einen Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Tel Aviv erreicht. Er versprach Julia und ihrer Mutter, alles zu tun, um sie abzuholen. Seitdem ist nichts geschehen. Am gleichen Tag waren westliche Diplomaten daran gehindert worden, zum Präsidentenpalast vorzudringen. "Die Israelis sperren alles ab", sagt Julia Deeg. "Wenn wir rausgehen, riskieren wir, erschossen zu werden. Das Geringste, dass uns noch passieren kann, ist eine Verhaftung und die Vernichtung unseres Beweismaterials." Julia Deeg sagt, sie habe sich "gezwungen" gesehen, sich in diese Situation zu begeben, "weil andere Organisationen wie die Vereinten Nationen und auch die europäischen Staaten hier tatenlos zusehen". Sie betont, dass sie mit ihrer Aktion nicht Yasser Arafats Politik unterstützen wolle, "ich will auch nicht sagen, dass Arafat ein toller Typ ist", ihr geht es um das palästinensische Volk, "das nicht wie ich die Aussicht hat, in ein Land zu reisen, in dem kein Krieg herrscht".

Sie sagt, dass sie von den Palästinensern "respektvoll" behandelt werde. Angaben der Israelis, nach denen sie Geiseln der Palästinenser seien, bezeichnet Julia Deeg als Lüge. "Die Israelis versorgen uns nicht, wie sie behaupten, mit Essen und Trinken, stattdessen schießen sie gezielt auf die Notarztwagen, die in dieses Gebiet reinkommen wollen, um zu helfen." Während des Telefonats beschreibt die junge Frau, wie plötzlich ein verwundeter Mann in den dunklen Raum getragen wird. Ihm fehle ein Bein, sagt Deeg. "Ich sehe hier viele Verwundete." Die Stimmung unter den Eingeschlossenen sei sehr bizarr, sagt Deeg. "Manchmal singen wir laut irgendwelche dummen Poplieder, erzählen uns Witze, und dann schlägt im Stockwerk über uns eine Bombe ein." Anders aber könne man die ständige Anspannung nicht aushalten.